Donnerstag, 21. Januar 2021
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Die Lüge von der Verkehrswende

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Die Idee der Fahrradstadt ist in Hamburg gar nicht umsetzbar, und die Menschen in Alstertal und Walddörfern bleiben auf der Strecke, meint Verleger Wolfgang E. Buss.

Immer mehr Autos in unserer Stadt! Eine inzwischen mehrdeutige Aussage! Für die einen ein Segen, müssen sie sich doch nicht in nach Abgasen stinkenden HVV-Bussen fortbewegen und können ihre „eigenen vier Wände“ nutzen, um ans Ziel zu kommen.

Für die anderen ein Drama. Sie wollen die Autos verbannen. Insbesondere die großen, eleganten, vielleicht ein bisschen protzigen Autos. Sie sollen verdrängt werden aus der Hamburger City, sind angeblich Ursache des Verkehrsinfarktes. Bemerkenswert: Es lässt sich treffsicher am politischen Kompass ablesen, aus welchem politischen Milieu welche Kritik kommt. Die einen beklagen die fortschreitenden Abbau von Parkraum, die „Staustadt Hamburg“, in der zahllose Hamburger wichtige Zeit verlieren. Und da Zeit eben auch Geld ist, leidet die Wirtschaft.

Aber eins nach dem anderen. Circa 800.000 KFZ sind derzeit in Hamburg zugelassen. Anders ausgedrückt: Auf jeden Hamburger, vom Baby bis zum Senior, kommen 0,43 Autos. Als „Hölle für Autofahrer“ beschreibt die BILD-Zeitung Hamburg. Die größten Nerv-Faktoren seien das Stau-Chaos, hohe Parkgebühren und die im Vergleich deftigen Spritpreise. Ähnlich schlecht kommen übrigens in der deutschen Gesamtwertung Berlin und München weg. 

Auto an Auto.

Um das zu ändern, positionieren sich Hamburgs rot-grüne Regierungsparteien immer klarer gegen das Automobil. Ziel sei die „Fahrradstadt Hamburg“, jubeln die „urbanen Grünen“. Schnell mit dem Rad zur Uni, in die Kita oder zum Einkaufen. Ein Ausbau der Radwege in City-nahen Quartieren steht ganz oben auf der Agenda. Das Problem scheint gelöst! ÖPNV, gepaart mit dem Fahrrad! Die Zukunft wird dargestellt mit lächelnden Radlern auf Fotos des sonnigen Hamburgs. Doch T-Shirt-Wetter ist in Hamburg eine Seltenheit. Das Stadtklima ist geprägt von Regen, Nässe, Wind, an mehr als der Hälfte aller Tage ist es kälter als 13 Grad.  

Und dann kommt das Jubeln ins Stocken oder die Lüge wird sichtbar. Denn eben längst nicht alle Hamburger leben citynah! Der Autor hat mehrere Male getestet, bei Regen, Wind und 13 Grad vom Alstertal von die City ins Meeting zu radeln. Ein 45-minütiger Höllenritt! Höchstgefährlich! Jede Kreuzung wird zur Todeszone, können doch Autofahrer durch nasse und beschlagene Scheiben schwer präzise im Rückspiegel verfolgen, welcher Radfahrer sich noch im Umfeld befindet. Und bunten Prospekte der Bike-City mutieren zu Fake-Bildern.

Fatal: Wer in den eleganten Hamburger Außenbezirken wie Alstertal oder Walddörfern lebt, nimmt die Verkehrswende als Lüge war. Und wer sich aus freier Entscheidung ein schönes Auto gönnt, hat die Politik plötzlich gegen sich. Selbst schuld, so die Oppositionsparteien CDU und FDP. Wer, wie bei der letzten Bürgerschaftswahl, Rot-Grün die Mehrheit gibt, darf sich nicht wundern: Im Wahlkreis 13 – Alstertal – Walddörfer wählten SPD: 42,4 Prozent, Grüne: 20,5 Prozent, aber eben nur CDU: 17,3 Prozent oder FDP: 7,4 Prozent. Und eben diese verkehrspolitische Richtungsentscheidung wird plötzlich Realität. Den schönen SUV stehen lassen und rein in den HVV, und wer zu jenen vielen Familien im schönen Ohlstedt zählt, in denen drei Autos zum Haushalt gehören, sollte sich mit der Anschaffung eines Fahrrades beschäftigen. Wobei, bei allem Sarkasmus zur Verkehrslüge tatsächlich als unzumutbar gilt, jeden Morgen mehr als 60 Minuten bei Wind und Wetter ins City-Office zu fahren.

Ortskern Volksdorf. Idyll ohne Autos? Foto: FDP.

Doch selbst wer nur mit dem Auto zum Einkaufen fahren möchte, sieht die rot-grüne Karte: Denn selbst aus dem idyllischen Volksdorfer Zentrum will man die Autos verdrängen. Gegen den Willen der Mehrheit, so die Ergebnisse einer Befragung der örtlichen FDP, wünschten sie „mehr Kneipen“ und mehr Außengastronomie und „mehr Angebote für Jugendliche“, gab es vier ganz klare Schwerpunkte in den Rückmeldungen: „Die mit Abstand meisten forderten mehr Parkplätze und kostenfreie Parkhausparkplätze, viele auch ein weiteres Parkhaus, einige auch mehr Kurzzeitparkplätze im Ortskern, zudem müsse es mehr geschäftsnahe Behindertenparkplätze geben“, so die FDP.

Hamburgs Verkehrspolitik ist von Menschen erdacht, die das Leben in Hamburgs schönen Vororten nicht kennen oder für spießig halten. Die vielleicht einmal im Jahr bei schönem Wetter einen Fahrradausflug in die Randgemeinden machen und das Idyll betrachten, auch wenn ihnen die vielen großen Autos auf den Grundstücken missfallen. Aber jene Leute schaffen eben keine Verkehrswende – sondern eine Verkehrslüge!

Lesen dazu auch im kommenden ALSTERTAL-MAGAZIN: Verkehrende – Verkehrslüge. Wie man die Pendler und Randgemeinden in Stich gelassen hat (unter www.magazine.hamburg).

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